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Forschungsbedarf im Gesundheitswesen

Große Forschungslücken in der angewandten Medizin
Interview mit Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG

Das IQWiG untersucht Nutzen und Schaden medizinischer Maßnahmen für Patienten. Auftraggeber sind der Gemeinsame Bundesausschuss, der über den Leistungskatalog der Krankenkassen entscheidet, sowie das Bundesgesundheitsministerium. Während die Arbeit des IQWiG den Krankenkassen hohe Einsparungen ermöglichte, stieß sie bei den Unternehmen auf Protest. Inzwischen wurde Sawicki die Verlängerung seines Dienstvertrags verweigert.

Würden sie die Nicht-Verlängerung ihres Vertrags als Einflussnahme der Politik zugunsten der Wirtschaft und gegen die Unabhängigkeit der Wissenschaft werten?

Peter Sawicki: Im Sozialgesetzbuch steht, dass die Institutsleitung des IQWiG im Einvernehmen mit dem Bundesgesundheitsministerium zu geschehen hat. Von daher war der Einfluss der Politik immer schon vorgesehen. In den letzten fünf Jahren wurde ständig von vielen Seiten versucht, auf meine Arbeit Einfluss zu nehmen, schriftlich, telefonisch, durch öffentliche Beschimpfungen bis hin zu Bedrohungen. Wir mussten uns als „Mörder“ bezeichnen lassen, uns wurde vorgeworfen „Euthanasie auf Raten“ zu betreiben. Das sachliche Niveau wissenschaftlicher Auseinandersetzungen wurde teilweise deutlich unterschritten. Mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin muss ein dickes Fell haben oder besser noch einen Panzer.

Welche Organisationsform müsste ein Institut wie IQWiG haben, um unabhängiger arbeiten zu können?

Peter Sawicki: Die Unabhängigkeit wird immer wieder bedroht und dies wird auch so bleiben. Es müsste eine starke politische parteiunabhängige Kraft geben, die das Institut beschützt. Darüber hinaus ist die Aussagekraft der Institutsberichte umso größer, je mehr klinisch relevante wissenschaftliche Untersuchungen vorliegen. Dies ist aber derzeit noch eine Schwäche, es gibt einen Mangel an praxisrelevanter Evidenz. Das IQWiG kann aber keine Studien selbst durchführen oder in Auftrag geben. Wir brauchen also eine Ergänzung, um zuverlässige Evidenz zu schaffen, die die Voraussetzung für aussagekräftige Empfehlungen ist: ein dem IQWiG zuarbeitendes öffentlich finanziertes und unabhängiges Institut, das Studien plant, koordiniert und durchführt.

Sollte es aus ihrer Sicht auch Hochschulinstitute oder außeruniversitäre Institute für angewandte Medizin geben?

Peter Sawicki: Das wäre natürlich toll. Das Wesentliche ist, dass überhaupt jemand diese Arbeit macht. Dann könnten wir einfach darauf verweisen und auch der Gemeinsame Bundesausschuss könnte das übernehmen.

Warum gibt es da so wenig?

Peter Sawicki: Die wissenschaftliche Untersuchung angewandter Medizin hat im deutschen Wissenschaftssystem keinen hohen Stellenwert. Wenn Sie sich internationale wissenschaftliche Publikationen aus Deutschland ansehen, dann werden Sie feststellen, dass der größte Teil der hochrangigen Arbeit in der Grundlagenforschung stattfindet. Auch bei der Besetzung von Lehrstühlen wird zunächst einmal auf die Leistungen in der Grundlagenforschung geachtet, sogar bei klinischen Fächern.

Wo sehen sie zurzeit besondere Priorität?

Peter Sawicki: Bedarf besteht in fast allen Bereichen. Ein Beispiel ist Prostatakrebs. Was hier fehlt, ist ein Vergleich der Behandlungsmöglichkeiten. Die einen operieren, die anderen bestrahlen, manche Ärzte geben strahlende Seeds – das sind kleine Körnchen, die in die Prostata eingeführt werden – und andere warten einfach ab. Was ist jetzt besser? Niemand weiß das, weil es nie richtig untersucht wurde. Dabei werden zwei Drittel aller Männer irgendwann davon betroffen sein. Verlängert es das Leben eher, wenn man operiert oder eher, wenn einfach abgewartet wird? Vor solchen Fragen stehen Ärzte jeden Tag. In der Regel hängt die Entscheidung dann davon ab, wen der Patient fragt. Geht er zum Urologen ins Krankenhaus, wird er meist operiert, geht er zum Radiologen, wird er bestrahlt. Der Patient verlässt sich darauf, dass der Arzt das irgendwie entscheidet und der Arzt geht nach Bauchgefühl. Es gibt ja auch Maßnahmen, die zu bestimmten Zeiten in Mode sind und dann wieder abklingen.

Was ist gegenwärtig in Mode?

Peter Sawicki: Im Moment ist Absicherung Mode. Man unterzieht die Patienten so vielen diagnostischen Verfahren, dass man am Ende selbst nicht mehr durchblickt. Auch das wäre ein Forschungsthema: Wie komme ich mit möglichst wenigen diagnostischen Mitteln sicher ans Ziel?


in Deutschland besteht eine Forschungslücke im Bereich der angewandten Medizin. Wie sieht es im Ausland aus?

Peter Sawicki: Da wird sehr viel mehr getan, in den USA arbeitet das National Institute of Health daran, in England gibt es das National Institute for Health and Clinical Excellence, in Frankreich La Haute Autorité de Santé, die immer wieder klinische Studien in Auftrag geben; auch Holland und die skandinavischen Länder sind sehr aktiv. Im Grunde führen wir hier ein klinischwissenschaftliches Parasitendasein, kaum eine versorgungsrelevante Studie kommt aus Deutschland. Wir hoffen, dass andere die Arbeit machen. Nur: Kann sich ein so großes und wohlhabendes Land wie Deutschland wirklich leisten, so wenig beizutragen? Was wir bräuchten, wäre eine Plattform auf europäischer Ebene. Eine Einrichtung, die beobachtet, welche Fragen in den einzelnen Ländern erforscht werden, und den Forschungsbedarf so koordiniert, dass es keine Doppelarbeit gibt. Dann ließen sich vielleicht auch Studien über mehrere Länder hinweg auflegen.


Ist das auch eine Frage mangelnder Lobbyarbeit innerhalb des Wissenschaftssystems?

Peter Sawicki: Bei uns gibt es keine Lobby für praxisrelevantes Wissen. Was fehlt, ist dass die praktisch tätigen Ärzte aufstehen und sagen: Wir möchten das und das wissen, weil es für die Patienten wichtig ist und weil man es wissen könnte. Zum Beispiel: Wir wüssten gerne, was wirkt am besten bei Inkontinenz? Wie erkenne ich am zuverlässigsten, ob eine Depression vorliegt? Die Ärzte müssten das Wissen vehement einfordern. Sie müssten sagen: Es gibt zu wenige praxisrelevante zuverlässige wissenschaftliche Untersuchungen, die uns bei unserer Arbeit unterstützen, und das ist ein Skandal. Dabei würden die Ärzte sicherlich auch von Patienten- und Verbraucherorganisationen unterstützt werden.

Sie haben den Krankenkassen ausgaben in Millionenhöhe erspart. Warum stehen ihnen auch die Vertreter der Krankenhäuser kritisch gegenüber?

Peter Sawicki: Ich habe mich gegen den Verbotsvorbehalt ausgesprochen. Der Verbotsvorbehalt bedeutet, dass Krankenhäuser neue Behandlungsmethoden auch dann durchführen dürfen, wenn es keine vorherige Prüfung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss gegeben hat. Sie dürfen alles machen, was nicht verboten ist, und die Krankenkassen müssen es bezahlen. Das ist eine wichtige Einnahmequelle. Für Arztpraxen gilt genau das Gegenteil: Hier darf nichts gemacht werden, es sei denn, es wurde ausdrücklich erlaubt. Ich habe dafür plädiert, den Verbotsvorbehalt aufzuheben, so dass die Krankenhäuser nur Maßnahmen anwenden dürfen, deren Nutzen erwiesen ist.

Setzt sich die wissenschaftliche Community für Sie ein?

Peter Sawicki: Den Fachgesellschaften sind wir auch auf den Schlips getreten. So zum Beispiel auf dem Feld der Fremdspender-Stammzelltransplantation – einem Gebiet der Hämato-Onkologie. So gut wie alle vorhandenen Studien zu diesem Thema sind grottenschlecht. Es gibt keinen Nachweis, dass diese Art der Stammzelltransplantation etwas nützt – zu diesem Ergebnis sind wir gekommen und haben weitere Forschung angemahnt. Das stört allerdings die Stammzelltransplantateure.

Wie haben ihre Mitarbeiter ihre bevorstehende Ablösung aufgenommen?

Peter Sawicki: Es gab eine Mitarbeiterversammlung, bei der sich alle für mich ausgesprochen haben, ohne Enthaltung. Ich glaube, das Institut ist durch diese Erfahrungen eher gestärkt worden. Bei uns ist derzeit eine Unternehmensberatung im Haus, die hat für die Mitarbeiter den Ausdruck „Überzeugungstäter“ verwendet. Das sind alles Menschen, die hochmotiviert sind, die Gesundheitsversorgung in Deutschland zu verbessern.

Die Fragen stellte Kristin Mosch.



Zur Ablösung von Peter Sawicki als Leiter des IQWiG

Als Begründung für die Ablösung Sawickis, die im Januar 2010 beschlossen wurde, diente eine Diskussion über Abrechnungsfragen. Allerdings hatten CDU und FDP bereits im Koalitionsvertrag angekündigt, die Arbeit des IQWiG daraufhin überprüfen zu wollen, ob sie für die Pharmafirmen akzeptabel sei. Die entsprechende Passage lautet: „Die Arbeit des (…) IQWiG werden wir auch unter dem Gesichtspunkt stringenter, transparenter Verfahren überprüfen und damit die Akzeptanz von Entscheidungen für Patienten (…), Leistungserbringer und Hersteller verbessern.“ (vgl. http://www.cdu.de/doc/pdfc/091026-koalitionsvertrag-cducsu-fdp.pdf, S. 87). Den Anlass lieferte dann eine interne Finanzprüfung, die Sawicki Angaben des IQWiG zufolge selbst in Auftrag gegeben hatte. Sawicki, der bei seiner Berufung in 2004 eine 40-prozentige Gehaltseinbuße akzeptiert habe, sei im Rahmen der Einstellungsverhandlungen ein Dienstwagen mit Chauffeur angeboten worden. Dieses Angebot habe er abgelehnt, weil er stattdessen lieber seinen Privatwagen nutzen und selbst steuern wollte. Nach Abschaffung des eigenen PKW leaste er einen Dienstwagen in der Annahme, dies sei durch die Absprache gedeckt, zumal die Leasingkosten seiner Berechnung nach die Kosten für einen Dienstwagen mit Chauffeur unterschritten. Nachdem dieser Punkt vier Jahre lang im Haushaltsplan ohne Beanstandung vom Vorstand und Rat der Stiftung abgesegnet worden sei, wurde er kurz vor der anstehenden Vertragsverlängerung auf einmal in Frage gestellt. Als Vorwurf formuliert, geriet der Sachverhalt in die Frankfurter Allgemeine Zeitung, woraufhin sich in den Medien der Eindruck einer „Dienstwagenaffäre“ verbreitete. Ein unabhängiges Rechtsgutachten hat Sawicki inzwischen bescheinigt, er habe sich nichts zuschulden kommen lassen und alle Ausgaben seien durch Absprache mit dem Vorstand in der Gründungsphase gedeckt gewesen. Seine Ablösung wurde denn auch nicht mit Unregelmäßigkeiten begründet, sondern damit, dass man die „hervorragenden inhaltlichen Leistungen des Instituts nicht mit Diskussionen um ordnungsgemäße Verwaltungsabläufe belasten“ wolle – so die vom Vorstand und Rat der Stiftung herausgegebene Pressemitteilung.

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